- Ausgangspunkt ist umfassende assoziative Recherche
- Zu sehen sind u.a. Fotogramme mit Porträts blonder Frauen
- Ausstellung läuft vom 12.09. – 30.11.2022
In ihrer Ausstellung BLOND befasst sich Jana Pressler (* 1997 in Innsbruck, lebt in Berlin) mit dem blonden Haar als Bedeutungsträger. Ausgangspunkt ihres Projekts ist eine assoziative Recherche. Deren Versatzstücke werden in abstrahierter Form auf Fotopapier gebannt und ähneln auf den ersten Blick Röntgenaufnahmen. Gleich einem „Schattenfänger“ lässt die Künstlerin mit diesen Fotogrammen unter anderem Porträts blonder Frauen erscheinen und greift damit verschiedene Aspekte auf (RLB Atelier Lienz, 12.09. – 30.11.2022).
Kaum etwas prägt das Erscheinungsbild einer Person so sehr wie das Haar. Lang, kurz, glatt oder lockig, braun, rot, schwarz oder blond – Haare lassen sich leicht formen und verändern, sie sind ein wesentliches Mittel zur Selbstgestaltung. Man kann mit ihnen Gruppenzugehörigkeit, Abgrenzung oder Protest signalisieren. Ihre verschiedenen Bedeutungen sind tief in der Kulturgeschichte verankert, unterliegen aber gleichzeitig immer wieder einem Wandel. Die meisten Klischees und Vorurteile sind dabei mit blondem Haar verbunden.
Jana Pressler setzt sich in ihrem Projekt BLOND, das sie eigens für das RLB Atelier realisiert hat, mit den unterschiedlichen Zuschreibungen, die mit dieser Haarfarbe einhergehen, auseinander. „Ich wollte verstehen, warum so beliebig manipulierbare Körpermerkmale wie Haare und gerade Haarfarben so fest an gewisse Projektionen und Vorstellungen geknüpft sind“, so die Künstlerin im Interview des begleitenden Katalogs.
Über Jahrhunderte galt Blond, besonders im abendländischen Kulturkreis, als Schönheitsideal. Im antiken Griechenland wurde das goldene Haar mit Göttlichkeit gleichgesetzt und bei den Römern galten blonde Perücken als beliebtes Modeaccessoire wohlhabender Frauen. In der christlichen Ikonografie symbolisierte Blond vor allem Unschuld und Jungfräulichkeit.
Die Haarfarbe diente aber auch als Ein- und Ausgrenzungsmerkmal in der Herausbildung rassistischer Stereotype. Die damit verbundenen pseudowissenschaftlichen Rassentheorien, die sich im 19. Jahrhundert verbreiteten, führten im Nationalsozialismus unter anderem zur Konstruktion der „arischen Herrenrasse“, mit all ihren perfiden Auswüchsen.
Im 20. Jahrhundert gingen Blond-Stereotypisierungen außerdem häufig mit der Diskriminierung von Frauen einher. Kulturgeschichtlich ist diese Entwicklung zum einen auf die Erfindung des Bleichmittels Wasserstoffperoxid 1867 und das spätere immense Wachstum der Kosmetikindustrie zurückzuführen, zum anderen schlichtweg auf die Traumfabrik des Films. „Alle konnten sich das Schönheitsideal von der Leinwand nun quasi im Supermarkt kaufen.“ Es gab aber auch Vorbehalte gegen das Haarefärben: „von traditionell-christlicher Seite, die die Natürlichkeit hochhielt, aber auch von Feministinnen, die sich dem Schönheitsideal nicht unterwerfen wollten. Der Diskurs verschob sich also auch in Richtung der Argumentationslinie Natürlichkeit/Künstlichkeit. Künstlichkeit wurde im Zuge dessen mit Einfalt gleichgesetzt. Dies hat, glaube ich, sehr zur Entstehung des Stereotyps der ‚dumb blonde‘ beigetragen“, erläutert Jana Pressler im Interview.
Ihre umfassenden Recherchen, die weit über die angesprochenen Aspekte hinausführen, transferiert Jana Pressler als künstlerische Installation in Form einer wandfüllenden Mindmap in die Ausstellung. Einzelne der hierfür verwendeten Bildmaterialien sowie ausgewählte Objekte dienen ihr, in mehreren Schichten und direkt auf Fotopapier belichtet, zur Gestaltung abstrahierter Porträts von sechs Frauenfiguren: Grace Kelly als Vertreterin einer ‚Hitchcock-Blondine‘, Maria Magdalena, die im Gegensatz zu Maria meist erotisiert dargestellt wurde, die Figur der Venus, die sich als Schönheitsideal durch alle Epochen zieht, Marie Antoinette, die für extravagante Turmfrisuren bekannt war, die wohl bekannteste Hollywood-Ikone Marilyn Monroe und das „Glamour-Phänomen“ Paris Hilton, die bewusst ihre Rolle als blonde Influencerin aufgebaut hat.
„Jana Presslers Porträtserie kann als feministische Hommage an solche blonde Kunstfiguren gelesen werden“, schreibt die Kunsthistorikerin Eva Kuhn in ihrem Beitrag zum Ausstellungskatalog: „Durch die collagenartige Dekonstruktion dieser kanonisierten Bilder, durch den bis zur Unkenntlichkeit verstellten Anblick und das Insistieren auf dem neuen Bild als Bild, scheinen diese Fotogramme gegen den verliehenen Bildstatus der jeweils dargestellten Frau zu rebellieren.“
Neben den Porträts präsentiert die Ausstellung eine weitere zentrale Werkgruppe, die mehrteilige Serie „Haare“, die unterschiedliche direkt belichtete Haarsträhnen zeigt. Beide Werkreihen sind in der eher ungewöhnlichen Technik des Fotogramms realisiert. „Fotogramme sind wie ein Übersetzungsverfahren vom Objekt zum Bild“, so die Künstlerin. Da sie durch den direkten Kontakt zwischen Objekt und Papier entstehen, weisen sie „einen unmittelbaren Bezug zu Materialität“ auf. „Hier wird auch das fotografische Material für mich wichtig, sozusagen mein Gestaltungsmittel“, führt Pressler dazu aus. Und: „Im Gegensatz zu Fotografien, die oft Reproduktionen sind, ist jedes Fotogramm ein Original.“
Eröffnung
Freitag, 9. September 2022, 19.00 Uhr, RLB Atelier, Johannesplatz 4, Lienz
Laufzeit und Öffnungszeiten
12. September bis 30. November 2022
Montag bis Freitag von 8.30 bis 12.15 Uhr und von 14.00 bis 16.30 Uhr
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein 64-seitiger gleichnamiger Katalog mit einem Beitrag der Kunsthistorikerin Eva Kuhn vom Institut für Philosophie und Kunstwissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg und einem Interview mit Jana Pressler, geführt von Silvia Höller. Er ist kostenlos vor Ort erhältlich.
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